Die Werrrabrücke in Sallmannshausen

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Im Februar 2007 rief mich der Heimatforscher Dr. Claus Bernhardt an, der hier meine Informationen über die Kirche in Sallmannshausen fand. Er befaßt sich z. Zt. mit der frühen Geschichte von Sallmannshausen und mit der Sallmannshäuser Mühle. Der nachfolgende Aufsatz, über die Werrabrücke ist in der Zeitschrift: Das Werraland, 57(2005) Heft 2, S.28-32 veröffentlicht.
In dem hier vorliegendem Text wird erwähnt, wie der Ort wahrscheinlich zu seinem Namen kam. (s. Absatz in blauer Schrift). Für etwaige Fragen zu diesem Artikel wendet Euch bitte direkt an Herrn Dr. Claus Bernhardt.

 

Zur Geschichte der Werrabrücke bei Sallmannshausen
von Dr. Claus Bernhardt, Freiberg

1. Vorgeschichte
Die beiden Dörfer Neustädt (auf der linken) und Sallmannshausen (auf der rechten Werraseite) waren in früheren Zeiten nur durch eine Furt miteinander verbunden. Diese Furt befand sich unterhalb der Sallmannshäuser Mühle, direkt gegenüber dem heutigen Gasthaus "Zum Schiff". Der Name deutet an, daß Personen hier auch mit einem Boot übersetzen konnten, und ältere Leute im Dorf kennen noch die Bezeichnung "Ibberföhrt" (Überfahrt) für die bezeichnete Stelle. Die Fähigkeit schwimmen zu können, war damals noch längst nicht so allgemein verbreitet wie heute, und so kam es oft zu folgenschweren Unfällen. Fuhrwerke mußten ohne weitere Hilfsmittel die Werra überqueren, was im Sommer bei niedrigem Wasserstand nicht so sehr schwierig war. Im Winter, wenn die Werra zufror, war dies für Personen und Fuhrwerke kein geringes Wagnis. Um das Risiko zu verringern, warfen die Bauern Stroh auf die sich bildende Eisschicht; das Stroh fror mit ein und erhöhte so die Tragfähigkeit des Eises.

Fuhrwerke, die aus Neustädt und Gerstungen oder aus Richtung Wommen übersetzten, mußten bei ihrer Weiterfahrt den Fahrweg über die Hardt (den heutigen Hardtweg) und den Böller nehmen. Es ist dies derselbe Weg, den man auch heute noch geht, wenn man am Gasthaus "Zum Schiff" mit einer Wanderung auf dem Sallmannshäuser Rennsteig beginnt. Andere befestigte Verbindungswege gab es nicht.

Werrafurt bei Sallmannshausen, Zeichnung von J.H.Ch. Heusinger um 1840

Es besteht die begründete Vermutung, daß der Ort Sallmannshausen dieser Furt auch seine Entstehung verdankt. Hier saß der "Salmann", also der Vasall des Lehnsherrn und besorgte als Treuhänder die Landwirtschaft und vermutlich auch die Arbeiten bei Werradurchquerungen. Sehr gut ist vorstellbar, daß man vor oder nach der gelungenen Durchquerung eine kurze Andacht hielt, wozu vom 16. Jahrhundert an die kleine gotische Kapelle diente, aus der dann später die Sallmannshäuser Kirche entstand.

Insgesamt bedeutete die Furt und das Fehlen anderer Verbindungsstraßen zwischen den Ortschaften der Region ein schweres Hindernis bei der gewerblichen Tätigkeit der Bewohner, auch der Handel mit den nahen Städten Gerstungen und Eisenach, der Absatz bäuerlicher Produkte litt darunter. Brücken über die Werra waren selten: es gab nur eine in Gerstungen und dann erst wieder flußabwärts die sehr alte Steinbrücke in Creuzburg.

Schon in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts waren zwischen Göringen und Hörschel eine Reihe von verkehrstechnischen Verbesserungen entstanden. Dabei hatte der ansässige Landadel in beträchtlichem Umfang finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt, und die Dorfbewohner selbst hatten mit ihren Gespannen die Transportleistungen erbracht. Bereits am 2.2.1831 konnte die Werrabrücke zwischen Wartha und Neuenhof/Göringen mit einem feierlichen Akt und einem kleinen Volksfest eingeweiht werden. Ihr Aussehen wird sich nicht sehr von dem unterschieden haben, das auf einem Foto etwa 100 Jahre später überliefert ist:

Werrabrücke bei Wartha, 1931

Schon 1836 gab es eine durchgehende verfestigte Straße zwischen Hörschel und Göringen, die 1843/44 bis Lauchröden geführt wurde. Daß die Bevölkerung der umliegenden Dörfer sowohl beim Bau selbst als auch später bei der Nutzung dieser Verkehrswege ihren Vorteil hatte, davon zeugt eine Erinnerungstafel, die die dankbaren Gemeinden im Jahre 1833 nicht weit von der Brücke in einer Mauer anbringen ließen.

Der erwähnte Freiherr Riedesel zu Eisenbach saß auf dem Rittergut in Neuenhof und stand als Landmarschall (Präsident des Weimarer Landtags) in direkter Verbindungen zur Großherzoglichen Regierung in Weimar. Er hat das Projekt des Straßenbaus sehr stark finanziell unterstützt.

Gußeiserne Erinnerungstafel bei Neuenhof, 12. Mai 1833

Offenbar bestand schon damals die Vorstellung, die Straße von Hörschel aus bis über Sallmannshausen hinaus nach Neustädt und Gerstungen weiterzuführen und dafür zwischen Neustädt und Sallmannshausen eine Werrabrücke zu errichten.

Dieser Plan fand einen einflußreichen Fürsprecher in dem Leutnant a.D. Johann Heinrich Christian Heusinger, der von 1836 - 1846 als Gutspächter in Sallmannshausen lebte (heutiges Grundstück von M. Göhrig, Unterstraße 30). Heusinger war hier vor allem schriftstellerisch tätig; bekannt geworden sind seine "Sagen aus dem Werrathale", zuerst erschienen 1841. Heusinger pflegte regen Kontakt zum Landadel der Umgebung und hat diese Verbindungen wohl zur Unterstützung des Projekts genutzt. Jedenfalls wird der Bau im Laufe des Jahres 1845 genehmigt und für 1846 in Aussicht genommen. Der Neustädter Pfarrer Johann Christian Thiel trägt folgende Bemerkung in die Kirchenchronik ein:

“1845: Merkwürdiges für die hiesige Gemeinde dürfte seyn der in der lezten Hälfte des Jahres zur Gewißheit gewordene Bau einer Brücke von Sallmannshausen nach Neustedt, wodurch dem Bedürfniß einer ersprießlichen Verbindung zwischen den dies- und jenseitigen Ortschaften des Werragebiets in dieser Gegend entsprochen wird. Müssen auch die Einwohner zu Neustedt diesem Werke nicht unbedeutende Opfer bringen an Holz- und Steinfuhren u.s.w. so steht doch zu erwarten, daß der Nutzen, welcher durch größern Verkehr und durch die nach Gerstungen zu führende Chaussee sich denken läßt jene bey weitem übersteigt.”

 

2. Baugeschichte

2.1. Erbauung der ersten Brücke

Wie offenbar schon damals üblich, wird die Durchführung eines solchen Bauvorhabens öffentlich ausgeschrieben. Im Eisenachischen Wochenblatt vom 11.1.1846 ist der amtliche Text abgedruckt; er lautet:

“Ueber den Werrafluß bei Sallmannshausen soll in diesem Jahre eine neue Brücke aus Holz, mit massiven Landpfeilern und drei Mitteljochen, von 188 Fuß Länge und 16 Fuß Breite erbauet, und die dabei vorkommenden Gräber- und Maurerarbeiten, ohne Material, die Zimmermanns- und Schmiedearbeiten aber mit Material, an den Mindestfordernden, mit Vorbehalt der Auswahl unter den Bietern, veraccordirt werden. Hierzu ist

der 21. dieses Monats

als Termin festgesetzt, und es werden daher Accordlustige hierdurch eingeladen, sich an benanntem Tage Morgens 10 Uhr in der Expedition der unterzeichneten Behörde hier einzufinden und ihre Forderungen zu Protocoll zu geben.

Inzwischen können die den fragl. Bau betreffenden Risse sowie die Accordsbedingungen mit der Beschreibung der zu fertigenden Arbeiten auf genannter Expedition eingesehen werden.

Eisenach, den 10. Januar 1846.
Großherzogl. S. Landraths-Vicariat des
V. Bezirks.
E. Oettelt”

Das Material für die Erdaufschüttungen und die Natursteine für die landseitigen Widerlager wurden also gestellt und stammen daher mit Sicherheit aus der unmittelbaren Umgebung. Unter dem Begriff Accord muß man hier die vertraglichen Verpflichtungen der Bauausführenden gegenüber dem Bauherrn verstehen; mit der Expedition der Behörde ist deren Versandabteilung gemeint.

Im Ausschreibungstext sind die Abmessungen der Brücke aufgeführt: setzt man das sächsische Fuß mit 0,283m an, so hat also die geplante Brücke eine Länge von etwa 53m und eine Breite von 4,5m.

Im Frühjahr 1846 begann man mit den Bauarbeiten, nachdem es zuvor nocheinmal eine

"... ungeheure Überschwemmung des Thalgeländes mit bedeutenden Verheerungen"...

gegeben hatte. Man errichtete jedoch die Brücke nicht an die Stelle der Furt, wo die Bauarbeiten durch den niedrigen Wasserstand möglicherweise begünstigt worden wären, sondern stromauf, etwa 200 m oberhalb des Mühlenwehrs, wo eine Flußtiefe bis zu 4 m herrschte. Dabei nahm man noch den völligen Neubau der Zufahrtstraßen in Kauf. In der Nähe der Furt hätte man sich auf den Ausbau bestehender Wege beschränken können. Der Grund für die Wahl des Standortes liegt aber vermutlich darin, daß das hier gestaute tiefe Wasser eine erheblich niedrigere Strömungsgeschwindigkeit hat als in dem flachen Ablauf unterhalb des Mühlenwehrs. Die Gefahr von Beschädigungen durch Treibgut, insbesondere durch Eisschollen, ist dann wesentlich kleiner.

Wie diese erste Brücke genau ausgesehen hat, läßt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Da es aber bis 1933 keinen Neubau gegeben hat, dürften überlieferte Fotos aus der Zeit davor einen guten Anhaltspunkt liefern.

Werrabrücke bei Sallmannshausen um 1930, im Hintergrund
Teile des Dorfes (Kirche, Mühle); Foto: E.Bernhardt, Neustädt

Wasserseitig war die Brücke eine reine Holzkonstruktion; sie bestand aus 3 so genannten Pfahljoch-Strompfeilern mit je 8 - 10 gegeneinander verstrebten Einzelpfählen, auf denen das hölzerne Tragwerk befestigt war. Deutlich erkennt man die auf den Pfeilern ruhenden Sattelhölzer, die bei einer Stützweite von etwa 14 m zur Versteifung und Stabilisierung der tragenden Konstruktion erforderlich sind. Die Widerlager an den Uferseiten waren aus hellem Naturstein (Kalkstein) gemauert; sie waren ebenfalls mit Sattelhölzern bestückt, die durch Kopfstreben gestützt waren. Die Pfeiler trugen entgegen der Stromrichtung ziemlich weit vorstehende Strombrecher, die auf dem Foto nicht zu sehnen sind. Sie bestanden zur Brücke hin aus flach ansteigenden Holzbalken und hatten die Aufgabe, die Pfeiler vor Beschädigungen durch Treibeis zu schützen (s. dazu auch das Foto der Brücke bei Wartha).

Die Zufahrtswege auf beiden Seiten der Brücke mußten neu angelegt werden. Auf der Sallmannshäuser Seite handelte es sich nur um das kleine Stück von der Herdaer Straße (die damals als Feldweg schon bestand) bis zur Werra hinab. Auf der Neustädter Seite waren die Bauaufwendungen wesentlich größer. Hier mußte man die für eine Fahrstraße notwendigen Einebnungen (sicherlich unter Nutzung des Verlaufs vorhandener Feldwege) vornehmen. Vielleicht ist auch die Hauptzufahrt zum Ort selbst bei dieser Gelegenheit neugestaltet worden. Die Geländeeinschnitte am nördlichen Dorfeingang deuten jedenfalls darauf hin. Auf alle Fälle hat man wohl auf diese Weise auch die notwendigen Erdmassen für die beiden Brückenauffahrten gewonnen.

Am 31.10.1846 wurde die Brücke in Gegenwart der beteiligten Handwerker und der Bewohner von Neustädt und Sallmannshausen in einem feierlichen Akt eingeweiht. Honoratioren hielten Reden; die Schulchöre beider Dörfer besangen das Ereignis.

Gleichzeitig mit der Brücke war die Fahrstraße von Neuenhof über Lauchröden und Sallmannshausen nach Neustädt fertig geworden. In einer amtlichen Mitteilung (abgedruckt im Eisenachischen Wochenblatt vom 19.12.1846) wird sogleich die Einnahme von Brücken- und Wegezoll angekündigt:

“Zu öffentlicher Kenntnis wird hierdurch gebracht, daß für die von Neuenhof nach Gerstungen führende neue Chaussee eine Chaussee- und Brückengeld-Einnahme in Sallmannshausen errichtet und der Ort derselben durch Aufrichtung eines Schlagbaumes bezeichnet worden ist.

 Erfurt, den 6. December 1846

 Großherzogl. S. Chaussee-Commission deß Eisenacher Kreises.

   D. K. Batsch”

Wie hoch diese Mautgebühren damals waren, wird leider nicht mitgeteilt. Auch ist nicht bekannt, wie lange der Schlagbaum gestanden hat. Aber er sollte nicht der einzige bleiben, den man in den nächsten 150 Jahren hier errichtete.

Der Anschluß der Straße nach Gerstungen nahm noch mehr als ein weiteres Jahr in Anspruch; erst Anfang des Jahres 1848 konnte sie übergeben werden. Eine Fahrstraße nach dem hessischen Dorf Wommen wurde schließlich in den Jahren 1851/52 fertiggestellt.

Gleichzeitig mit dem Straßen- und Brückenbau begann die Regierung des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach mit dem Bau einer Eisenbahnstrecke auf der linken Werraseite, die aus Richtung Eisenach kommend, zunächst nur bis Gerstungen führte und am 9.9.1849 in Betrieb ging.

Mit all diesen Verkehrsverbindungen hatte sich die Situation der Bevölkerung in den Dörfern der Region im Laufe weniger Jahre in entscheidendem Maße verbessert. Schon der Bau selbst hatte für viele Arbeit und Brot gebracht. Alle Dorfbewohner, Bauern, Handwerker und Handeltreibenden nutzten fortan die günstigen Kommunikationsmöglichkeiten.

Es soll aber nicht verschwiegen werden, daß diese Veränderungen auch im Laufe der nächsten Jahrzehnte schwerwiegende Belastungen für den Einzelnen mit sich brachten. Die wachsende Industrialisierung in den nahen Städten führte dazu, daß nun bald billige Waren auf dem ländlichen Markt erschienen, die die eigenen dörflichen Produkte schnell verdrängten. Es kam – so würden wir heute sagen – zu schlimmen Strukturkrisen, allerdings ohne die heute übliche soziale Abfederung. Von mindestens zwei solcher Krisen scheinen auch die Bewohner von Neustädt übel getroffen worden zu sein: Die eine war der Flachsanbau und die Leineweberei in der Mitte des 19. Jahrhunderts und die andere die Töpferei gegen Ende desselben Jahrhunderts.

Welches Schicksal diese erste Brücke im Laufe der nachfolgenden Jahrzehnte hatte, läßt sich aus den in Neustädt verfügbaren Unterlagen nicht mehr im Detail rekonstruieren. Nach Aufzeichnungen des Gerstunger Bürgermeisters Johann Jacob Wagner soll es aber bereits im Frühjahr 1848 zu einem verheerenden Hochwasser mit Eisgang gekommen sein. Die eben fertiggestellte Brücke wurde dabei sehr stark beschädigt, aber noch im selben Jahr wieder aufgebaut.

In der damaligen Zeit fror die Werra oft im Winter zu und trat im Frühjahr bei Tauwetter über die Ufer. Diese Überschwemmungen waren nicht nur die Folge von Regen und Schneeschmelze, sondern auch häufig durch den Stau der Eisschollen bedingt. Gerade die letzteren haben immer wieder größeren Schaden angerichtet, vor allem wurde auch das damals noch hölzerne Wehr der Sallmannshäuser Mühle mehrfach zerstört. Schlimme Hochwasser dieser Art hat es nachweislich in den Jahren 1818, 1830, 1846, 1848, 1862, 1871 und 1929 gegeben. Dabei wurde auch immer wieder die Brücke in Mitleidenschaft gezogen. Offenbar waren die Schäden aber bis dahin stets reparabel.

 

2.2. Spätere Bauten

Im Frühjahr 1933 kam es zu einem ungewöhnlich starken Hochwasser. Die Brücke wurde so schwer beschädigt, daß sie nur noch behelfsweise als Fußgängerübergang benutzt werden konnte und sich ein Neubau erforderlich machte. In der Eisenacher Zeitung vom 4.12.1933 lesen wir darüber:

“Wartha. In den letzten Wochen wurden die beiden Werrabrücken bei Wartha und bei Sallmannshausen im Zuge der Staatsstraße Eisenach - Gerstungen -Bebra umgebaut, um ihre Tragfähigkeit zu erhöhen. Die seitherigen Holzpfeiler wurden durch starke Betonpfeiler ersetzt, und außerdem erhielten die Brücken einen neuen Bohlenbelag und neue Holzgeländer. Die Arbeiten sind noch kurz vor dem Eintritt des Frostes fertiggestellt worden. Hoffentlich wird nun auch im neuen Jahre recht bald die Staatsstraße Eisenach - Stedtfeld - Gerstungen - Bebra durchgreifend erneuert, da sich die die Strecke in sehr schlechter Beschaffenheit befindet.”

Auch dieser Wunsch wird sich im Laufe der Jahre gelegentlich wiederholen. Der Bau dieser zweiten Brücke begann noch im selben Jahr 1933. Zunächst wurde eine provisorische Brücke ein paar Meter stromauf errichtet; nach dem Abriß der alten Brücke schlug man die Spundwände für drei Betonpfeiler ein. Über diese Betonpfeiler legte man als Tragwerk starke Holzbalken, auf welche quer zur Fahrtrichtung dicke Bohlen befestigt wurden.

In der Eisenacher Zeitung vom 11.12.1933 wird über den Neubau der folgende abschließende Bericht veröffentlicht:

Taucher in der Werra

“Wartha. Wie bereits in einem früheren Artikel berichtet, sind die Brücken in Sallmannshausen und Wartha umgebaut worden. Der Umbau erforderte die Entfernung der alten Pfahljochpfeiler, welche durch Betonpfeiler ersetzt wurden. Die Brücke Sallmannshausen hat drei Flußpfeiler, die bei einer Wassertiefe bis zu 4 Meter gegründet werden mußten. Zur Gründung dieser Pfeiler wurden eiserne Larsenspundwände in Längen von 7 Meter benötigt und mit einer Dampframme 4 Meter tief in die Flußsohle eingerammt. Nachdem nun die Brücke fertig ist, werden zurzeit die noch stehenden Larsenwände etwa zwei Meter unter Wasser mittels autogenischer Schweißapparate abgeschnitten. Die Arbeiten werden durch zwei Taucher ausgeführt, welche die ausführende Firma "Mitteldeutsche Baugesellschaft G.m.b.H. Eisenach" von der Firma W. Dahmen, Spreng- und Tauchunternehmen, Duisburg hat kommen lassen. Es ist interessant zu sehen, wie die Taucher unter der teils 20 Ztmr. starken Eisdecke ihre Arbeit gewissenhaft und schnell ausführen, und wie sie die dazu nötigen Geräte und Apparate auf großen Kähnen im Wasser aufgebaut haben.

Über die Ausführung selbst sind bei Photograph Harder, Karlstraße, in den nächsten Tagen photographische Aufnahmen zu sehen...”

     

Als die Eisenacher Firma Foto-Harder später ihre Pforten schloß, kam das Fotoarchiv oder der größte Teil davon in das Stadtarchiv Eisenach. Bisher konnten dort die erwähnten Fotos leider nicht gefunden werden. Da die Brücke insgesamt nur 12 Jahre gestanden hat, sind auch von anderer Seite – wie es scheint - keine Bilddokumente mehr erhalten. So ist also das genaue Aussehen dieses zweiten Brückenbaues gegenwärtig nicht mehr zu rekonstruieren.

Am 1.4.1945 (es war der Ostersonntag !) wurde diese zweite Brücke von der zurückweichenden deutschen Armee gesprengt. Eine Handvoll deutscher Soldaten hatte sich in Sallmannshausen verschanzt und beschoß von dort die von Südwesten her auf der Autobahn anrückende US-Armee. Als Anwort schoß diese von ihrer erhöhten Position aus das Dorf Sallmannshausen in Brand. Anderntags durchfuhr eine amerikanische Kampfabteilung zielsicher die alte Furtstelle über die Werra und besetzte Sallmannshausen ohne größeren Widerstand. Ich habe diese Vorgänge als 6jähriger Junge in Neustädt selbst miterlebt und sie sind mir als böse Erinnerung fest im Gedächtnis haften geblieben.

Die Sprengung hatte das hölzerne Tragwerk der Brücke und die über Wasser befindlichen Teile der Betonpfeiler zerstört. Zunächst wurde noch in Anwesenheit der amerikanischen Armee ein Fährbetrieb oberhalb der Brückenruine (nicht an der alten Furt) eingerichtet. Dabei wurden Kähne (von einem Sallmannshäuser Dorfbewohner) an einem über die Werra gespannten Drahtseil hin- und her gezogen.

Anfang 1946 (zum 100jährigen – stillen - Jubiläum der ersten Brücke) errichtete die Gerstunger Baufirma Linß als dritten Bau eine Interimsbrücke auf den stehengebliebenen Pfeilerstümpfen. Letztere wurden auf gleiche Höhe aufbetoniert, darüber legte man stählerne Gitterträger. Den Abschluß bildeten Holzbalken und zwei schräg und kreuzweise aufgenagelte Lagen Bohlen. Das alte Holzgeländer wurde – vermutlich unter Verwendung noch vorhandener Reste - nachgestaltet.

Werrabrücke bei Sallmannshausen um 1950 (Foto: F. Struve)

Ende Mai/Anfang Juni 1954 ging die Eisenacher Baufirma Massivbau Keim an einen gründlichen Neubau der Brücke, wie sie im wesentlichen auch heute noch steht. Sie ist damit die vierte Brücke an dieser Stelle.

Zunächst wurde wiederum eine hölzerne Behelfsbrücke mit nur bedingter Tragfähigkeit ein paar Meter stromauf gebaut; dabei wurden die Pfähle mit einer Handramme (Fallbär) eingeschlagen. Die alte Brücke wurde abgerissen und die Pfeiler (da man ein Tragwerk aus Stahlbeton auflegen wollte) um ca. 40 cm durch Sprengungen verkürzt. Dabei passierte das Mißgeschick, daß der erste auf der Neustädter Seite gelegene Pfeiler bis unter die Wasseroberfläche beschädigt wurde. Es mußten deshalb Spundwände eingerammt und der Pfeiler neu errichtet werden. Für die Stahlbetonarbeiten am Tragwerk benutzte man die alten Gitterträger als Schalungsträger.

Nach etwa einjähriger Bauzeit wurde die neue Brücke im Sommer 1955 übergeben und die Behelfskonstruktion, von der heute noch die Betonzufahrt zu erkennen ist, abgerissen. Aber ihre alte Funktion als wichtiges Ost-West-Bindeglied konnte sie schon nicht mehr wiedererlangen: 1952 war aus der Demarkationslinie (entlang der alten Landesgrenze Hessen/Thüringen) die Staatsgrenze der DDR geworden; die Straße nach Wommen wurde gesperrt und vor der Brückenauffahrt auf der Neustädter Seite wurde ein Schlagbaum mit Wachtposten eingerichtet. Sallmannshausen lag mit einem Mal in der 500m-Sperrzone und damit am Ende der Welt. Als dann auch noch die Verbindungsstraße nach Lauchröden gesperrt und schließlich sämtlicher Zugverkehr eingestellt wurde, war es aus und vorbei mit Handel und Wandel, mit Kommunikation und Freizügigkeit. Von nun an war die Werrabrücke für die Einwohner von Sallmannshausen nur noch das traurige Nadelör in eine verbarrikadierte Welt. Die Grenze erhielt einen Zaun und einen 100 m breiten Sicherheitstreifen, der quer durch den Wald geschlagen wurde. Außerdem wurde ein Fahrweg für die motorisierte Patrouille mit einer eigenen, nur für diesen einen Zweck genutzten Stahlgliederbrücke über die Werra – übrigens ganz in der Nähe der alten Furt - errichtet. Alle Büsche und Bäume in diesem Talstück wurden beseitigt. Ich selbst bin als einer der seltenen, mit einem Passierschein versehenen Besucher das eine oder andere Mal auf der alten Werrabrücke stehengeblieben und habe beklommen auf das einstmals liebliche Werratal geblickt und auf das, was ein menschenverachtendes Regime aus ihm gemacht hat.

Zum Glück blieb es nicht dabei; mit der Wende kam die Wandlung, wenn auch erst nach langen 40 Jahren. Die alte Verbindungsstraße nach Lauchröden ist heute wieder hergestellt, und auch eine nach Wommen wurde neu gebaut. Das alte dörfliche Leben stellte sich nicht wieder ein, aber es kam eines in neuer Gestalt und in neuer Fülle. Die schaurigen Metallzäune und die anderen häßlichen Grenzbesfestigungen sind verschwunden, Bäume und Büsche säumen wieder das Ufer der Werra und die alte Lieblichkeit ist in dieses schöne Fleckchen Erde zurückgekehrt.

Am 31.10.1996 wurde das 150jährige Jubiläum der ersten Brücke in einer kleinen Feierstunde begangen. Zahlreiche Bewohner aus beiden Dörfern hatten sich am Brückenkopf auf Neustädter Seite versammelt; der Posaunenchor aus Neustädt blies und der damalige Bürgermeister M. Schramm und Frau Pastorin G. Freiberg aus Gerstungen würdigten in Ansprachen dieses wichtige Ereignis.

Die jetzige Brücke ist nun auch schon 50 Jahre alt, was man ihr an einigen Stellen deutlich ansieht. Insbesondere die Pfeiler in der Nähe der Wasseroberfläche sind inzwischen stark in Mitleidenschaft gezogen. Auch ihr sonstiger Zustand scheint eine baldige Sanierung notwendig zu machen. Aber ihre bodenständig-schlichte Eleganz in dem ruhig dahinströmenden Werrafluß, die hat sie bis heute bewahrt.

Werrabrücke bei Sallmannshausen 1996 (Foto: C.Bernhardt);
der dritte Strompfeiler rechts, nahe dem Neustädter Ufer, ist hier nicht zu sehen.

 

Verwendete Quellen

1. H. Heuse: Auszüge aus dem Protokollbuch des Ortsvorstandes der Gemeinde Lauchröden für den Zeitraum 1840 bis 1850. Teil 10: Der Bau der Hochstraße – der Verbindungsstraße von Hörschel über Neuenhof, Göringen und Lauchröden nach Sallmannshausen. Neue Werrazeitung 1998, Nr.11, S.11-12.

2. C. Bernhardt: Eine Brücke wird 150 Jahre. Die Werrabrücke zwischen Neustädt und Sallmannshausen wurde 1846 erbaut. Neue Werrazeitung 1996, Nr.21, S.10-13.

3. Kirchenchronik Neustädt, begonnen 1817

4. W. Floß: Pfarramtlicher Bericht vom 4.5.1933 zu den im Turmknopf zu Neustädt vorgefundenen alten Urkunden.

5. F. Richter: Der Bürgermeister. Aus dem Leben des Joh. Jacob Wagner. Gerstungen 2000.

6. E. Heusinger: Sagen aus dem Werratale. Eisenach 1923, Nachwort von C.Höfer.

7. Stadtarchiv Eisenach: Eisenachisches Wochenblatt Jg.1846 und Eisenacher Zeitung Jg.1933 sowie Zeichnung

Heusinger "Werrafurt bei Sallmannshausen 1840".

8. H. Scherf: Bäuerliche Keramik aus dem Werragebiet. Leipzig 1986

9. R. Lämmerhirt: Der Kampf um die Werralinie 1945 zwischen Gerstungen und Treffurt. 2. Auflage, Bad Langensalza 2005

 

Freiberg, den 4.1.2005

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